Es geht noch besser

Über den Begriff des Gutmenschen, seine möglichen Ursprünge und seine Erscheinungsformen war hier vor einem Jahr bereits die Rede. Nun hat sich Christian Nürnberger im Magazin der Süddeutschen Zeitung noch einmal an das Thema herangemacht und man muss neidlos eingestehen, dass es ihm gelungen ist, dazu noch mal einen größeren Bogen zu schlagen. Eine absolute Empfehlung für die Leser und Chapeau an den Autor!

Gutmenschen

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Die Blinden und die Farbe

Ständig wird dieser Tage viel über etwas gesprochen, von dem die wenigsten etwas verstehen. Und wie immer, wenn solche Hypes auftauchen, entstehen die tollsten Geschichten. Empfehlungen werden auf deren Basis gemacht, Etats werden verschoben, Hoffnungen werden geweckt  und Ängste entstehen. Besonderes letzteres ist nach den jüngsten Erfahrungen mit platzenden Blasen mehr als verständlich. Aber wo bekommt verlässliche Informationen oder wenigstens einen Überblick?

SocialMedia

Hier ein seriöser Versuch zur Antwort auf die Frage was ist Social Media?

Lifestyle-Okkultismus

Es hat wohl bereits in den 80er Jahren angefangen: plötzlich war das, was gefiel, nicht mehr schön oder toll, aber auch noch nicht krass oder mega, sondern es war Kult! Dinge, Ereignisse, Moden, Haltungen, Menschen – alles Kult. Ein dickerer und ein dünnerer Mann mit schwarzen Anzügen (nein, nicht Laurel und Hardy), Krawatten, Sonnenbrillen und Hüten, die singen und tanzen: Kult. Motorräder, die der Technik um Jahrzehnte hinterherhinken und im Stand Schrauben verlieren: Kult. Eine TV-Serie mit Kriminalbeamten in Zuhälter-Klamotten, die Ferrari fahren und Cocktails trinken: Kult. Einige ‘Kults’ sind inzwischen in die Jahre gekommen und wenn man darauf schaut, denkt man ‘wie konnte ich …’. Andere werden weiterhin im Fernsehen wiederholt oder, z.B. als ‘Kult-Band der …’ von ‘Event’ zu ‘Event’ gejagt.

Ministruck

Irgendwann ist es dann auch durch mit dem Kult und eigentlich hat man schon bei der Vergabe dieses zweifelhaften Prädikats geahnt, dass das böse enden kann. Spätestens nach dem Auftritt von Peter Struck mit Hut und Sonnenbrille wird niemand mehr den Begriff im Zusammenhang mit zwei singenden und tanzenden Brüdern in den Mund nehmen. Bei anderen Zeit-Phänomenen steht dieser Effekt noch aus, obwohl die sich steigernde Peinlichkeit allenthalben zu bemerken ist. So sieht man dieser Tage junge Menschen, akkurat modisch gekleidet und frisiert, zum Spiel eines Hamburger Kult-Vereins streben. Einerseits mit Pilotensonnenbrille unterm Pony und Designer-Flipflops gestylt, zeigen sie mit dem Flaschenbier in der Hand ihre dunkle Seite: den Kiez-Kult. Wie gesagt, als in den 90ern jeder Werber, der auf sich hielt, ins Stadion am Millerntor strebte, konnte man die weiteren Entwicklungen bereits kommen sehen.

Kult sind und waren natürlich auch Autos. Jedoch ist nie ein fabrikneuer Ferrari oder Porsche so ausgezeichnet worden, sondern es waren meistens alte, spezielle Fahrzeuge. Die Ente, der Käfer und mittlerweile sogar der Opel-Kadett sind cool oder eben Kult. Derlei ist natürlich auch den Marketingabteilungen der Autohersteller nicht verborgen geblieben und mit dem Rückgang der Beliebtheit von Polo, Corsa und Co. beim Jungvolk wurden Produkte in den Markt gedrückt, für die man sich den Kultfaktor der Altvorderen ausgeborgt hat. Dabei gab es Flops und Tops, wobei den größten Erfolg das Remake des urenglischen Mini durch einen bayrischen Hersteller eingefahren hat.

Was könnte also näher liegen, als Kult mit Kult zu paaren und damit den Mega-Kult zu generieren!? Könnte man nicht all die jungen Menschen, die ins Kiez-Stadion streben, für einen passenden Untersatz begeistern, für den man zwar am Spieltag im weiträumigen Umfeld des Austragungsorts keinen Parkplatz findet, dafür aber an den anderen Tagen die Anerkennung der Peer-Group? Ob die neue Allianz nun schon die Peinlichkeitsschwelle in Sachen Kult markiert, oder ob dazu erst der in den nächsten Tagen scheidende Erste Bürgermeister zusammen mit dem Ex-Kiez-Kult-Club-Präsidenten im braun-weißen New Mini zum Benefizspiel vorfahren muss, muss das Publikum entscheiden.

Höher, schneller, weiter

Testosteron ist ein Stoff, der unter anderem dominantes und aggressives Verhalten fördert. Zum Beispiel beim Laufen, einige Zeit lang auch mal Joggen genannt, bei dem es in der Regel um die Erhaltung oder Erhöhung der körperlichen Fitness geht. Betrachtet man jedoch eine Vielzahl der männlichen und einen Teil der weiblichen Sportler, dann kann einem durchaus die Idee kommen, das Ziel sei die Hinrichtung der Knie- und anderer Gelenke. Krachend wird da das gesamte Körpergewicht in flotter Folge abwechselnd auf das rechte und das linke Bein gesetzt, diese werden hochgenommen und unter mitgerissenen Armen nach vorne geworfen. Fliegende Schweißtropfen und ein verzehrtes Gesicht vervollständigen ein Bild, dem jedwede Leichtigkeit fehlt und man fürchtet, dass die jungen Menschen in gar nicht so ferner Zeit recht gebrechlich daherkommen könnten.

Pferderennen

Es gibt die Vermutung, dass, würde das Verhältnis von Kilowatt und Pferdestärken umgekehrt sein, also wäre ein KW mehr als ein PS, es schon lange keine PS-Angaben mehr gäbe. So werden die KW aber weiterhin verschämt im Kleingedruckten und im Fahrzeugschein versteckt, in Autoanzeigen und bei Jungstreffen dominiert weiterhin die Horsepower. ‘Boah, 110 PS hat der alte GTI’ – hört sich doch viel besser an als ‘watt, 82 Kaweh hat die olle Kiste bloß?’. Das dabei die gleiche Leistung zugrunde liegt, ist völlig unerheblich, genauso wie der Umstand, dass man mit schmalen Reifen weniger Sprit verbraucht – dicke Hose braucht halt volle Taschen und die sind nicht sichtbar, wenn man ein paar Scheiben Knäckebrot einsteckt.

Unter Sportlern sehr beliebt sind Trikots von erfolgreichen Sportlern. Während der gerade vergangenen Fußballweltmeisterschaft sah man hierzulande zum Beispiel regelmäßig das Nationalmannschaftstrikot mit der Nummer 13 und dem Namen ‘Ballack’, was besonders verwundert, weil doch Michael Ballack wegen einer Verletzung infolge eines gemeinen Fouls in einem Testspiel vor der WM gar nicht mitspielte. Man kann nicht ausschließen, dass Trikots vergangener Meisterschaften noch mal zum Einsatz gekommen sind und dass einige Fans zu früh auf das falsche Pferd, pardon, den falschen Spieler gesetzt haben. Vielleicht war es auch die Anerkennung dafür, dass hier jemand stellvertretend seine Knochen hingehalten hat!? Möglicherweise gibt es aber noch einen anderen Grund. Müller, Badstuber, Kroos und andere Spieler kannten vor der WM nur wenige und die Gefahr, sich mit deren Trikots unnötig klein zu machen, war vielen dann wohl doch ein zu großes Risiko.

Aktuell vergeht kaum eine Woche, in der nicht mindestens ein neues Elektroauto präsentiert wird. Wirklich kaufen kann man nur wenige davon und Leistung wie Reichweiten sorgen bislang selten dafür, das jemand darüber ins schwärmen gerät. Trotz des Umstands, dass ja der Großteil aller mit dem Auto zurückgelegten Strecken nicht besonders lang ist und dabei auch selten Spitzengeschwindigkeiten erzielt werden, muss man sich erst einmal daran gewöhnen, dass die genannten Zahlen so ganz anders sind. Besonders absurd erscheint es in diesem Zusammenhang allerdings, dass neben den Kilowatts der Elektromotoren weiterhin die Angabe der Pferdestärken steht.

Fightclub

Lange Zeit nicht mehr gemacht: von Nord- nach Süddeutschland in einem Stück auf der Autobahn. Früher legte ich diese Strecke mehrmals im Jahr zurück und jedes mal, wenn ich mich auf den Weg machte, war ein wenig Vorfreude dabei. Die Erfahrungen gehen bis weit in die Kindheit zurück, mit Beginn der Sommerferien wurde der Käfer vollgepackt, wir Kinder und die Oma nahmen auf dem Rücksitz Platz, Mutter war Beifahrerin und Vater qualmte auf dem Fahrersitz eine Schachtel Ernte 23 bis zum ersten Ziel Zeitlarn bei Regensburg. Mühsam quälte sich der Wagen mit dieser Ladung an Lastwagenkolonnen vorbei die Kasseler Berge hoch, auf Parkplätzen fand zwischendurch ein großes Picknick aus der Kühltasche statt und in den wenigen Staus konnte man andere Autoreisende einmal eingehend aus der Nähe betrachten.

Highwayfisch

Auch das diesjährige Revival startet mit dem Käfer, der mich flott von Hamburg über die Autobahn bis hinter Hannover bringt, bevor es mit offenem Dach über die Landstraße weitergeht. Hinten blubbert der Boxer, vorn glitzert die Sonne durch die Bäume – eine angenehme Art des Reisens. Dann wird beim Vater das Gefährt gewechselt, ein modernes Fahrzeug der bei den Autovermietern Economy genannten Klasse soll uns schnell und bequem in den Süden beamen. Einem sonnigen Tag begegnet man mit einer Klimaanlage, eine zeitgemäße Audio-Anlage sorgt für Information und Unterhaltung. Beste Voraussetzungen also – wie früher, nur besser.

Nach reibungslosem Auftakt im eher ländlichen Gebiet füllt sich die Autobahn nach und nach. Trotz lastwagenfreiem Wochenende muss das Gaspedal kräftig herunter getreten werden, um nicht immer wieder auf der rechten Spur herunterbremsen zu müssen. Auf der linken Spur jagen derweil dunkle Kompakt-, Mittel- und Oberklassefahrzeuge heran und vorbei. Schert man im falschen Moment aus, sieht man heute nicht mehr regelmäßig die ‘Lichthupe‘ aufblinken. Die Beherrscher der Überholspur nahen mit eingeschalteten Scheinwerfern, tief auf die Fahrbahn geduckt und mit breitem Fahrwerk machen sie unmissverständlich deutlich, dass sie vorbei wollen. Die eigene Geschwindigkeit steigt deshalb parallel zum Stress, man will ja nicht zum Verkehrshindernis werden, obwohl man eigentlich schnell genug unterwegs ist. Auch wenn alle 40 Minuten 100 Kilometer geschafft sind, zieht sich die Strecke und der Wunsch anzukommen wird immer drängender.

Schließlich sind die letzten Kilometer geschafft und man sitzt vor dem ersten, wohl verdienten Bier. Nein, es ist nicht so schlimm, wie bei den Indianern, die als Träger für eilige Weisse immer wieder auf eine Pause drängten, ‘damit ihre Seelen hinterherkommen können’ – aber die Strecke steckt einem doch in den Knochen und man muss ja auch wieder zurück.

Nach zwei herrlichen Tagen in Bayern geht es also wieder auf die Piste. Dieses Mal wartet nicht das Ausflugsziel als Belohnung, sondern es geht wieder heim. Die Sonne lacht noch kräftiger vom Himmel als auf der Hinreise, allein die nun zusätzlich am Verkehr beteiligten LKW´s trüben das sonst sehr schöne Bild. Die ersten Kilometer werden aber nicht einmal dadurch gestört, erst später staune ich über die Massen von Lastwagen, die mitunter kilometerlang die rechte Spur mit Waren, Autos, Baumaterialien und vielem mehr befüllen. Hin und wieder überholt ein sieben km/h schnellerer Laster den davor fahrenden und bremst uns damit minutenlang aus. Das nervt, mehr aber noch drücken die bereits von weitem sichtbaren, schnell heran rasenden und im Zweifel dicht auffahrenden Fahrzeuge der ‘Freude am Fahren’-Fraktion auf das Nervenkostüm. Deren Untersätze kommen immer noch überwiegend aus Bayern, die agressiveren Piloten sitzen nach meiner Beobachtung aber inzwischen in Modellen aus Ingolstadt.

Nach knapp 1200 Kilometern steige ich wieder in den Käfer und fahre in der Abendsonne das letzte Stück in Richtung Norden. Die erste Hälfte auf der Landstraße lässt wieder etwas Ruhe einkehren, aber der Tag war lang und es ist spät. Also noch mal für den Rest der Strecke auf die Autobahn und kompakt all das beobachten, was man nach vielen Jahren mal wieder dort erlebt hat. Ich nehme mir vor, künftig öfter nach Bayern zu fahren – mit dem ICE!

Das passende Video zur Autobahn auf dem Monte Video

Jugendstarrsinn

Das erste Fahrzeug, mit dem ich solo bewegt wurde, war ein Kinderwagen. Selber bestimmen, wo es lang geht, konnte ich danach mit einem Ballonroller. Der Einstieg in die richtig große Freiheit begann aber mit dem Fahrrad. Gleich am Anfang stand aber auch der Ärger mit den Größeren, die regelmäßig eine Runde mit meinem Bubirad drehen wollten, wodurch es mehrfach zu Gabelbrüchen kam, die dann von meinem Vater geschweißt werden mussten. Möglicherweise ist es dadurch meine pragmatische Haltung zum Fahrrad geprägt worden, allerdings können auch die in Kindheit und Jugend immer knappen Mittel dafür verantwortlich gewesen sein.

Bicycles

Unter Freunden und in der Schule war das Fahrrad eines der ersten Statussymbole. Wichtigstes Element im Ringen um die Pole-Position unter den Fahrradbesitzern war, weit vor dem umgedrehten und ‘Gesundheitslenker’ genannten Rennlenker und verschiedenen Verschönerungen ohne größeren Nutzwert die Gangschaltung. Sie machte den sonst schweren Start leichter und die flotte Fahrt noch flotter. Die höchste Entwicklungsstufe in dieser frühen Phase meines Fahrradlebens stellte das Bonanzarad dar, dessen Merkmal neben dem Bananensattel und der Pseudo-Federung der erigierte Schalthebel vor dem Sattel war.

Mit dem Bonanzarad konnte man aufgrund von Sitzposition und Rahmengeometrie trotz Schaltung nicht wirklich schnell fahren. Obendrein konnte ich es mir nicht leisten, soll heißen, meine Eltern hatten für das Thema nur ein ‘gibt´s nicht’ über. Meine Begehrlichkeiten wendeten sich also etwas anderem zu und zwar dem Rennrad, das allerdings seinerzeit in der käuflich erhältlichen Form ein Hort steter Pein war. Die schmalen Felgen waren weich, der Rahmen auch und die Schaltung funktionierte nur unter fürchterlichstem Geräusch und mit regelmäßigen Ausfällen.

Gut funktionieren tat dagegen das Ende der Siebziger erworbene Holland-Rad, das bestens in die Zeit passte und als erstes Rad seinen Dienst wirklich vollkommen problemlos verrichtete. Dass das so war, lag nicht zuletzt daran, dass es über keinerlei Schaltung verfügte. Im ostniedersächsischen Gelände war das kein besonders großer Nachteil und die Schulkonkurrenz lag schon lange zurück. Glückliche Zeiten also, die irgendwann zu Ende gingen, weil das inzwischen wenig genutzte Rad vom unbewachten Hinterhof geklaut wurde. Zwei von Freunden geliehene Rennräder, die ich nun gelegentlich benutzte, waren zwar besser als ihre Vorgänger, die revolutionäre Entwicklung sollte aber Ende der 80er kommen.

Mein Freund Alexander brachte eines Tages einen US-Import mit: ein so genanntes Mountain-Bike, an dem mir sofort die robuste Bauart und die dicken Reifen gefielen. Richtige Begeisterung lösten aber die Bremsen und vor allem die Schaltung aus und das nicht, weil sie mehr Gänge aufwies als jede andere zuvor. Diese Schaltung war ‘gerastert’, was bedeutete, das jeder der vielen Gänge auf Klick in der richtigen Stellung saß. Das geschaltete Radfahren war plötzlich eine reine Freude und der erzielte Speed war bergauf wie bergab flotter denn je. Bald gab es Rennräder mit dieser Schaltung, genauso Cross-Bikes und schließlich sogar ganz normale Alltagsräder.

Eine schöne neue Fahrradwelt war entstanden und die hätte sich prima immer so weiter entwickeln können (was sie wahrscheinlich auch tut). Plötzlich aber tauchen Fahrräder auf, die die gleiche Bezeichnung tragen wie eine Wegwerfwindelmarke: Fixies! Ein Fixie ist das Rad als Dogma, es hat weder Gangschaltung noch Bremsen und im Idealfall auch sonst nichts außer Rahmen, Rädern, Antrieb, Sattel und Lenker. Trotz des Umstands, dass Fixies hierzulande als nicht verkehrssicher eingestuft werden, herrscht seit einiger Zeit ein regelrechter Kult um die Dinger.

Fahrradkuriere und Freaks sorgten als Vorreiter für den Fixie-Hype und mittlerweile hat sich der unvermeidliche Marketingzug auf die gelegten Schienen gesetzt. Es gibt spezielle Schuhe, Helme und Klamotten – und natürlich ist der Preis für die Räder ohne alles keineswegs fixiert, sondern nach oben offen. Also wie so oft ein teurer Spaß für die Peer-Group und den Boulevard mit naturgemäß begrenztem Nutzwert. Ich werde deshalb wohl bei geschalteten Fahrrädern bleiben und darauf hoffen, dass die technische Entwicklung bald wartungsfreie Schaltungen mit wenigen weit ausgelegten Gängen hervorbringt. Vielleicht sollte ich aber so ein Fixie wenigstens mal ausprobieren, wer weiß ….

Wer braucht Feinde

“Was hast Du denn am Wochenende gemacht?” – “Nichts besonderes, ich bin gelaufen, habe lange gefrühstückt und ein paar Sachen erledigt.” – “Ach, das ist aber schade!” Bei manchen Dialogen drängt sich der Unsinn einem begegnender Worte derart auf, dass man einfach nicht darüber weghören kann. Selten ist das jedoch so klar, wie vor einigen Wochen bei den russischen Rechtspolitikern, die angesichts der Moskauer Selbstmordattentate die Wiedereinführung der Todesstrafe forderten. Im Alltag unter Freunden ist deshalb regelmäßig schweres Durchatmen und mehrmaliges ‘bis drei zählen’ gefordert, um nicht durch Äußerungen aufzufallen, die einen die eine oder andere Freundschaft kosten könnten.

Stammtisch1

Freunde hat man ja heutzutage schnell im Dutzend und mehr, wenn man bei der Definition von Freundschaft schlampt. Diesbezüglich bemerkt Facebook-Chef Mark Zuckerberg ganz richtig ‘Wer glaubt, dass jeder Facebook-Kontakt ein Freund ist, der weiß nicht was Freundschaft bedeutet’. Aber was bedeutet es denn nun? Selbst diejenigen, die einem nahe sind, wissen regelmäßig verlässlich zu nerven und die Frage, ob man mit diesen Nervbolzen befreundet sein möchte, darf man sich durchaus mal stellen. ‘Man muss einem Freund auch mal sagen dürfen, dass er ein Idiot ist’ meinte unlängst ein … Freund! Ja – Komma – stimmt! Allerdings hören Freunde wie Idioten derlei in der Regel nicht gern und damit wären wir wieder beim Ausgangspunkt.

Steter Stein des Anstosses ist in Freundeskreisen die schlechte Laune einzelner Teilnehmer. Sie sorgt immer wieder für ebensolche, wird gern mal mit Sätzen kommentiert wie ‘mach Dich mal locker’ und das gehört noch zu den milderen Formen der Kritik. Die Forderung nach ständiger Bestgelauntheit gehört zu den übelsten Auswüchsen der Lifestylegesellschaft. “Ein heiterer Mensch, der einfach zu intelligent war, um hemmungslos fröhlich zu sein” sagte Dieter Hildebrandt über den Schauspieler Jörg Hube, nachdem der das zeitliche gesegnet hatte. Solch einen Nachruf hätte man gern, stattdessen läuft man aber Gefahr, noch nach dem Ableben als Stinkstiefel verunglimpft zu werden, wenn man zu Lebzeiten seiner Depression nicht ständig Herr geworden ist.

Weit weniger Spaß, als bei einem Abend allein vor dem Fernseher hat man mitunter bei einem Abend mit Freunden in der Kneipe. Grenzwertige Kommentare zur Tagespolitik, ausufernde Darstellungen fragwürdigen Konsumverhaltens und ätzende Äußerungen über Abwesende können einem dort bisweilen die Sprache verschlagen. In solchen Momenten verlässt man besser schnell den Ort des Geschehens, um nicht den Verdacht aufkommen zu lassen, man interessiere sich nicht oder würde gar Anwesende geringschätzen.

Die hohe Kunst des Umgangs mit Freunden ist gefordert, wenn ernstere Probleme anstehen. Hat man letztere miteinander, gleicht die Chance, zu einer konstruktiven Auseinandersetzung zu kommen, zwar immer einer Gratwanderung, aber sie besteht immerhin. Gibt man allerdings persönliche Probleme preis, lauert die Gefahr in Form des, natürlich stets gut gemeinten, Ratschlags. Schnell ist damit jedes Problem gelöst, der Ratschlagende hat sein Pflicht getan und kann wieder zur Tagesordnung übergehen. Vor allem aber ist der Empfänger des Ratschlags danach in der Pflicht und trägt, wenn er ihn nicht befolgt, künftig selbst die Schuld für fortbestehende Probleme.

Trotz alledem braucht man natürlich Freunde und tut gut daran, Freundschaften zu pflegen. Geschieht das allerdings stets mit der geballten Faust in der Tasche, ist die Frage berechtigt, ob man die nicht besser mal herausholt, um damit auf den Tisch zu hauen. Wenn man danach in ratlose Gesichter schaut, lässt sich zumindest dieses eine Mal durchatmen und ‘geht doch’ sagen. Im anderen Fall fragt man einfach, wie denn das Wochenende so war.

Guide Michelin 2.0

Wer denkt, er hätte eine zu hohe Meinung von der hiesigen Bevölkerung, der findet diesbezüglich, wie inzwischen zu fast allen Dingen, im Internet schnell Hilfe. Nur ein kurzer Querscan über die Beiträge z.B. im Forum von Spiegel-Online und schon findet man sich von Ekel geschüttelt auf dem Boden der Tatsachen wieder. Früher ist einem derartiges gern mal passiert, wenn man versehentlich in die falsche Kneipe geraten ist oder einen Info-Stand für irgendeine (gesellschafts-, umwelt-, verkehrs- etc.) politische Initiative betreut hat. Auch gut für Desillusionierung, Ärger und Suizid- oder Auswanderungsgedanken waren seinerzeit immer größere Familienfeiern. Waren aber letztere in erster Linie durch schlechtes Benehmen infolge von übermäßigem Alkoholgenuss geprägt, ist das Bild in den heutigen Webforen ein stocknüchternes.

Forenpinscher

Andy Warhols Prophezeiung von 15 Minuten Ruhm für jedermann ist mittlerweile in allen Köpfen angekommen. Jeder Teen glaubt an die Möglichkeit, mit möglichst dramatisch vorgetragenen Gesang der Enge seines Vorstadtviertels entfliehen zu können, etwas ältere Prolls lassen sich unter Kameraaufsicht in ein Hürther Containerdorf sperren und wer meint, ein wenig mehr in Bizeps und/oder Birne zu haben, kämpft in den einschlägigen Sendungen um größere Summen. Rechts und links von alledem gibt es noch ein Zweit- und Drittformat, aber am Ende langt der Platz leider doch nicht für alle. Statt diesen Umstand als Segen anzusehen und sich in aller Privatheit ihren Passionen zu widmen, drängen die verhinderten Politiker, Künstler, Professoren und Fußballtrainer durch die allen offen stehenden Türen der Online-Foren.

Nun ist ja prinzipiell nichts dagegen einzuwenden, wenn Volkes Stimme endlich mal einen öffentlichen Platz hat und nicht nur die üblichen Verdächtigen zu allem ihren Senf dazugeben dürfen. Leider hat dabei niemand den Umstand bedacht, dass Menschen in diesem Land, die weder ihr Gesicht zeigen noch ihren Namen nennen müssen, diesen Freiraum nutzen wie Kampfhunde, die man auf dem Kinderspielplatz von der Kette lässt. Angesichts der Anonymität dürfen, um im Bild zu bleiben, auch die ganz kleinen Pinscher mal den rhetorischen Scheinriesen geben und der Blick in die Foren zeigt, dass die Zahl der Pinscher in diesem Land die Hundesteuereintreiber zum Jubeln bringen würde, wenn alle ein Halsband mit Marke tragen müssten.

Die Foren sind ein Hort der Rechthaberei und Schlaumeierei, der Stammtischrede und der moralischen Entrüstung. Oft gespickt mit Rechtschreibfehlern, ohne jede Sach- und Fachkenntnis bzw. ohne den Willen zur ordentlichen Recherche wird geholzt und schwadroniert, belehrt und beleidigt. Das ganze erinnert an eine fast vergessene Figur, den ‘deutschen Michel’. Diese Personifikation der „Thorheiten und Verkehrtheiten“ fasst seit dem 19. Jahrhundert „das ganze schwerleibige deutsche Volk“ zum Bild eines Mannes mit Zipfelmütze zusammen. Von dem glaubte man sich hierzulande gelöst und weit entfernt zu haben, man sah und sieht sich modern und locker, ein Volk von Kosmopoliten und Gourmets. Und jetzt ist es wieder zu sehen, im modernsten aller Medien – mon Dieu!

Burger von freilaufenden Rindern

Das Wort Gutmenschen hat seit langem einen festen Platz in den Medien und an den Stammtischen. Mit ihm hat man die perfekte Bezeichnung zur Hand, wenn es darum geht, diejenigen in eine doofe Ecke zu stellen, die nicht den FDP-Kanon ‘Leistung muss sich wieder lohnen’, ‘jeder ist seines Glückes Schmied’ und ‘in diesem Land geht es niemandem schlecht’ runterbeten. Dabei klingt Gutmenschen doch eigentlich freundlich und wie man es auch dreht und wendet, es bleibt die Zusammensetzung aus ‘gut’ und ‘Menschen’. Würde man statt dessen Vollidioten sagen, was es ja eigentlich meint, wäre man auf dem Punkt. Stattdessen gesteht man aber sozial und differenziert Denkenden zu, dass sie es ja gut meinen – nur leider sind sie eben zu blöd, zu naiv oder haben im schlimmsten Fall die falsche politische Einstellung.

OekoSuperman

Als Allzweckwaffe gegen Andersdenkende dienten in den Zeiten von 68 die Begriffe ‘Gammler’ und ‘Langhaarige’ und den so bezeichneten konnte man seinerzeit prima noch ein ‘geht doch nach drüben’ hinterherrufen. Damals waren die Lager einfach auseinander zu halten, inzwischen ist uns das drüben abhanden gekommen und Langhaarigkeit oder Slackertum sind schon lange kein Indiz mehr für eine sozialromantische Gesinnung. Überhaupt ist es in den letzten 20 Jahren schwieriger geworden mit der Zuordnung, zum Teil ist man völlig verwirrt, wenn man die Metamorphosen im näheren und weiteren Umfeld betrachtet. Besonders die ersten nachkriegsgeborenen Bildungsbürgergenerationen zeigen zunehmend mehr Bereitschaft zum ideologischen Zickzackkurs, als der Dogmatismus in den Schriften und auf den Podien der 70er Jahre jemals ahnen ließ.

Die ersten Irritationen tauchten in den 80ern auf, als das gelbleuchtende M noch ein prima Feindbild für mich hergab. Mit großer Lust stürzten sich damals die Twens in meiner Nähe in die sauberen Fast-Food-Tempel und kein neues Produkt war vor ihnen sicher. Die gleichen Menschen sind mittlerweile Stammkunden im Bioladen, bauen selber Tomaten auf dem Balkon an und haben auf ihrem iPhone ein App, das ihnen Nährwert und Inhalt von Lebensmitteln im Supermarkt anzeigt. Ähnlich steht es um die Haltung zu therapeutischen Tools. War es seinerzeit absolut verpönt, in Kathegorien zu denken, die nicht vollkommen rational und effekt- oder leistungsorientiert waren, rennt heute jeder mindestens regelmäßig zum Yogakurs. Herrscharen der ehedem als ‘Yuppies’ bezeichneten Menschen haben inzwischen eine Coaching-Ausbildung absolviert und erklären nun anderen, wie wichtig die Work-Life-Balance für Erfolg und Gesundheit ist.

Sollte es also so weiter gehen, werden sich Journalisten und Stammtischbrüder einen neuen Begriff für ihnen unangenehm nett erscheinende Menschen suchen müssen, denn in einer Welt voller Gutmenschen können diese ja nicht alle Vollidioten sein. Allerdings fragt man sich schon manchmal, wer dann eigentlich der kleineren Partei der aktuellen Regierung zu ihrem phänomenalen Wahlergebnis verholfen hat. Ein wenig Naivität und Romantik muss dabei wohl mit im Spiel gewesen sein, aber heutzutage währt eben nichts für immer. Die Linke darf sich also schon mal auf eine Welle von Anhängern einstellen, von denen sie sich gerade noch in einer Weise bezeichnet sah, die zwar nett aber irgendwie vergiftet klang …

Neujahr mit Shitting Bull

Rings um den Jahreswechsel ist die Zeit der Auguren, Kaffeesatzleser und sonstigen Experten und Berater. Es wird auf Teufel komm raus Rück- und Vorschau gehalten, Prognosen haben Hochkonjunktur und Mantras werden feilgeboten. Die Jahresendlisten platzen vor ‘besten’ und ‘wichtigsten’ Ereignissen, Produkten und Protagonisten – je nach Stilrichtung vor allem exotisch bzw. avantgardistisch und dem Durchschnittsbürger häufig völlig unbekannt. Der vielfach dargebotene Ausblick enthält dagegen überwiegend optimistisches bis versponnenes, was mitunter auf das gleiche hinausläuft.

Bei unserem Kalenderjahr handelt es sich im wesentlichen um ein Konstrukt kulturellen, religiösen und nicht zuletzt kaufmännischen Ursprungs. Allerdings blenden wir das alles gern aus, wenn es auf Neujahr zu- und danach weitergeht. Mit Lust glauben wir an einen Abschluss am 31. und an einen Neuanfang am 1. – danach relativiert sich im nach und nach wieder alltäglicher verlaufenden Jahr vieles, wie man sehr schön am sang- und klanglosen Verschwinden guter Vorsätze erkennen kann. Trotzdem ist es ein herrliches Spiel, das zu betreiben nicht völlig ohne Wirkung bleibt, da der Glaube ja bekanntlich Berge versetzt.

SBull

Eine in den letzten Jahrzehnten stetig gewachsene Berufsgruppe macht sich den Glauben an ein neues Jahr mit neuem Glück zu eigen und steht uns mit guten Ratschlägen zur Seite, wenn es darum geht, den Neuanfang nachhaltig zu gestalten. In Lifestyle- und Frauenzeitschriften kann man lesen, wie man den Verfall des Auftaktzaubers aufhält und auch an Konferenztischen wird die Mystik eines neuen Geschäftsjahres beschworen, vor allem, indem man den Blick nach vorn lenkt.

Wie schon oft in der Geschichte, konnte man in jüngster Zeit lernen, dass das ‘hinter sich lassen’ vergangener Dinge ein reinigender Prozess sein kann. Das gilt vor allem, wenn es sich bei diesen Dingen um Schrottimmobilien, ‘toxische’ Papiere und nicht eintreffende Prognosen handelt. Bereits der mittlerweile einigen nicht mehr bekannte Altkanzler Adenauer wusste, dass man Aussagen mit überschrittener Halbwertzeit am besten vergisst oder noch besser vergessen macht. Das funktioniert um so unauffälliger, je artifizieller, sprich unkonkreter, die Vorgaben ausfallen – was allerdings nicht zu dem Umkehrschluss verleiten sollte, dass sehr konkrete Vorgaben eine höhere Wahrscheinlichkeit der Realisierung bieten.

Damit man gar nicht erst in Versuchung gerät, seine Vorsätze für das neue Jahr allzu dicht am Leben zu formulieren, hält die bereits angeführte Gruppe der Berater einen großen Fundus an Tools bereit – Werkzeuge, die dabei helfen, Wünsche und Vorstellungen auf einer höchst sinnvoll konstruierten Plattform zu verankern. Wenn diese dann langsam in einen sanften Nebel davon treibt, bleibt man in der Gewissheit zurück, das richtige gedacht und gesagt zu haben – unabhängig vom Ergebnis. Von der Politik können wir lernen, dass das Ergebnis guter Beratung die Verlautbarung von Visionen zum richtigen Zeitpunkt ist – und nicht ihre Umsetzung.