Fischrecycling

- Immer noch frisch und ohne Fischgeruch – alte Texte aus der Schublade. -

Verwohnt – März 2009

Unlängst konnte man in einem Beitrag des Hamburger Abendblatts von den Mühen eines Architektenpaares bei der Renovierung ihrer neuen Eppendorfer Jugendstilwohnung lesen. Darin beklagten die beiden, wie ‘verwohnt’ die Wohnung von den Vormietern, bei denen es sich um die Mitglieder einer Band handelte, doch hinterlassen worden sei. Den Begriff ‘verwohnt’ habe ich in letzter Zeit seltener gehört, aber das liegt wahrscheinlich daran, dass ich weder Immobilien besitze, Makler oder Hausverwalter bin, noch mit diesen Gesellschaftsgruppen in engerem Kontakt stehe. Letztere kommen wohl öfter in Berührung mit Wohnungen, denen man ihre Nutzung ansieht. Das wird dann, anders als z.B. bei Kleidern oder Autos, nicht als natürliche Folge des täglichen Gebrauchs angesehen, sondern als Angriff auf deutsche Ordnung und Sauberkeit, mindestens aber auf das Eigentum der Haus- und Grundbesitzer.

Fischdesign2

Ganz anders und damit wahrscheinlich vollkommen den Erwartungen derjenigen entsprechend, die in den zuvor beschriebenen Fällen so bitter enttäuscht worden sind, geht es dagegen dort zu, wo Einrichter und Architekten wohnen. Über deren Gemächer berichtet das Hamburger Zentralorgan für Hofberichterstattung regelmäßig in einer Serie, mit der der Immobilienteil der Wochenendausgabe redaktionell eingeleitet wird. Natürlich findet man in diesen Beiträgen viele Fotos von und aus den Häusern der Kreativen. Auf den Bildern sind dort Möbel zu sehen, die bekannten Designern zugeordnet werden können und selbstverständlich viele selbstentworfene Raumgestaltungen und Accessoires. Vor allem eines sieht man auf den Bildern aber überhaupt nicht: Spuren menschlichen Lebens! Es gibt keine Unordnung, keinen Schmutz und keinerlei Abnutzung, vielmehr sieht es meistens so aus, als ob niemand in den vorgestellten Flächen wohnt! Und das erklärt auf bestechende Weise die Klage des eingangs zitierten Paares, berichten diese doch von einer Band, die zuvor in dieser Wohnung ‘gewohnt’ hat.

Also: wenn in einer Wohnung jemand wohnt, dann sind die Räume danach ‘verwohnt’ – je länger, umso mehr. Das ist nicht schön, aber nicht zu ändern. Offen bleibt bei alledem jedoch die Frage, wo denn eigentlich Architekten und Einrichter wohnen? In ihrer Wohnung ja wohl nicht!?

Dröhnende Dumpfbacken – September 2007

Sie steigen in die Bahn ein oder sitzen schon im Bus. Man registriert sie auf jeden Fall sofort, auch wenn man sie zunächst nicht sieht – entweder hört man sie aufdringlich zischeln oder markant dröhnen. Nach kurzem Umschauen kann man sie an den Kopfhörerstöpseln in den Ohren erkennen. Meistens stieren sie vor sich hin, mitunter wippen sie im Takt. Seltener kommt der provokativ hingefläzt oder herausfordernd schauende Typ vor.

Auf die nett vorgetragene Bitte, den Ton doch etwas leiser zu stellen, reagieren sie oft überrascht, mitunter genervt – und sie stellen den Ton in der Regel ‘etwas leiser’. Dann hört man sie meistens immer noch, aber immerhin.

Einige fühlen sich allerdings durch die Bitte um weniger Lärmbelästigung selbst belästigt. Sie motzen oder stellen sich taub, was sie möglicherweise sogar sind. In diesen Fällen könnte man auf die Idee kommen, ihnen einfach die Kopfhörer am Kabel aus den Ohren zu ziehen und sie mit einem Ruck vom Kabel zu trennen – und schon ist Ruhe! Würde man natürlich nie machen ….

Fischphones

Schall und Rauch – Juni 2007

Wenn ich dereinst meinen Stiefenkeln aus meinem Leben erzähle, dann wird es Fragen geben. So z.B. die, wo denn dieses Bombay sei, in dem ich bei meiner ersten Indien-Reise gelandet sein will. Und meine Erklärung wird sein: es ist nicht verschwunden, es heißt nur anders. Ähnlich wie die Moslems, die statt zu verschwinden oder sich wenigstens zivilisiert zu verhalten plötzlich Muslime heißen. Na gut, Raider hieß früher auch Twix und im Ausland heißt mein Wohnort plötzlich Amburgo oder, noch schlimmer, Hämbörg.

Aber warum heißen Menschen plötzlich anders? Ich meine nicht diesen höchst seltsamen Wechsel des Nachnamens als Heiratsfolge und auch nicht künstlerische Verschönerungen wie Carrell statt Kesselaar. Nein, ich meine diese irgendwo um den Zenit auftauchenden Änderungen des Vornamens. Noch unauffällig, weil meistens nur in der Schriftform genutzt, sind die nachgestellten Initialen wie Alexander A. oder Martin T.. Manch einer meldet sich aber von einem Tag auf den anderen auch am Telefon mit ‘Kai Thomas …’, obwohl man ihn seit Jahrzehnten nur unter diesem praktischen einsilbigen Namen kennt. Vollkommen verwirren tut mich Jürgen, den ich vor fast 25 Jahren unter diesem Namen kennen gelernt habe. Seit einiger Zeit schreibt er sich Hansjürgen und jetzt mault er mich plötzlich an, dass ich seinen Namen nicht so verstümmeln und ihn Jürgen nennen dürfe. Dabei weiss niemand besser als ich, was wirkliche Verstümmelung ist nach Millionen mal Armin, tausenden Achim, vereinzelten Anselm und (kein Witz) Alfons unterzeichne ich mühelos mit einem: A.

Fischgrabstein

Mitten unter uns – Januar 2007

Sie sind überall und immer nicht weit von dort, wo sie losgelaufen sind. Die Nähe zu den Wurzeln ist ihr sicheres Terrain, auf dem sie agieren, wie sie es auf dem Oberschulhof gelernt haben. Sie haben schnell die Arme hoch, auch wenn noch kein Anlass erkennbar ist – und sie schlagen schnell zurück … wenn es ihnen angemessen erscheint, auch unter die Gürtellinie. Sie haben die Definitionshoheit und sie finden immer eine Begründung dafür, warum das so ist.

Sie sind die Bürgerkinder, die sich nie so bezeichnen würden. Sie geben sich unkonventionell und sie leben planvoll. Ihr Verhalten ist für sie selbstverständlich und ihr selbstverständlicher Bildungs- und Erfahrungshaushalt ist für sie etwas ganz besonderes. Nonchalant gestatten sie den Angehörigen anderer Kasten das Aufenthaltsrecht in ihrem hochinteressanten Dunstkreis, behalten aber immer die Distanz. Sie gehen keine Risiken ein, es sei denn, es ist ein Netz gespannt. Dieses Netz haben sie für den Notfall immer im Gepäck, was sie aber in der Regel leugnen.

Meistens sind sie durchaus liebenswert, doch diese Liebe hat ihren Preis. Richtig teuer kann es für die werden, die sich stetig über die unsichtbaren Grenzen hinwegsetzen. Bürgerkinder verlangen unaufgeforderte Gefolgschaft ohne das kritische Hinterfragen, das sie selbst brillant beherrschen. Ihre eigene Unzulänglichkeit ahnen sie allenfalls, wobei sie nie auf die Idee kämen, sie zu ihrer Maßgabe zu machen.

Das Sichtfeld von Bürgerkindern ist so rund wie ihre Biografie, selbst bei gröbsten Verwerfungen. Die Atmosphäre, mindestens aber die Perspektive darin ist auch im dunkelsten Moment positiv. Alles Leidende findet ihr Mitgefühl, solange es nicht mit Forderungen an sie verbunden ist. Sie geben unaufgefordert und feiern sich selbst dafür. Wird ihre leuchtende Position nicht erkannt, reagieren sie mitunter ätzböse, oft gleichgültig und manchmal depressiv.

Bürgerkinder sind das Salz in der Obstkaltschale, das Sahnehäubchen auf dem Filetsteak, das Blaulicht auf dem Leichenwagen. Sie umspülen die großstädtischen Szenen ebenso wie die Provinz mit Kaufkraft durch Freude. Sie fordern freie Fahrt für sich und ihre Kinder, sie setzen sich auf die bereitgestellten Stühle und gehen davon aus, dass das so gewollt ist. Sie nehmen Niederlagen nicht hin, weil sie keine erleiden. Sie sind Bürgerkinder und können nicht mal dafür etwas.

Memmennacht im Hochkultursegment – September 2006

Dienstag (oder Mittwoch … ?) ist Kinotag – ‘Memmentag’, wie Max Goldt es mal genannt hat. Ein Tag, an dem man selbst _die_ Kinos meiden sollte, die nicht Cinemaxx, UCI etc. heißen. Auch die sind dann nämlich überfüllt mit dem Pöbel, der mal 2 Euro sparen und sich preisgünstig öffentlich danebenbenehmen möchte.

Letzten Samstag nahm ich das erste Mal an der Hamburger Theaternacht teil und fand mich inmitten des Memmentag-Publikums wieder. Angefangen hatten wir das ganze etwas verspätet – 19 Uhr ins Theater ist einfach ungewohnt und wie all diese Frühanfangszeiten vor 21 Uhr lästig. Aber es gab ja viele kleine Kultur-Häppchen zum (leider, wie ich jetzt weiß) günstigen Preis von 12 EUR an der Abendkasse. Dafür konnte man dann von 19 bis nach 24 Uhr unter den Programmen aller Hamburger Theater, auf Veranstaltungsbühnen und auf den Alsterschiffen wählen, neben denen man außerdem noch den ganzen HVV und zwei zusätzliche Buslinien nutzen konnte. Was man nicht konnte, war mit Karte bezahlen … auch an den Kassen nicht, an denen man das seit Jahren tut. Den entsprechenden Hinweis hatte man in der umfangreichen PR wohl nicht unterbekommen…

Inzwischen auch keine Alternative mehr: die lange Nacht auf dem Kiez

Inzwischen auch keine Alternative mehr: die lange Nacht auf dem Kiez

Nach dem Besuch des Geldautomaten stand man dann aber endlich vor den Türen des Malersaals, umringt von drängelnden Kulturinteressierten, die sich kurz darauf in den Saal und Costa-Brava-Handtuchgleich auf die Zuschauerplätze warfen. Der der eigenen Zurückhaltung geschuldete Stehplatz hatte allerdings den Vorteil, dass man vor dem rausdrängenden Mob wieder an die frische Luft gelangte. Nach kurzem Durchatmen dort ging es dann weiter zum zweiten Versuch ins Thalia, wo unser frühzeitiges Erscheinen eine Pole-Postion vor einer Logentür sicherte. Ein nur scheinbarer Erfolg, wie sich schnell zeigte. Als erstes kam eines dieser Lederjackenundengejeans-Paare in der späten Vierzigern, griff mit den Worten ‘nur mal schauen’ beherzt zur Klinke und öffnete die Tür zur laufenen Vorstellung. Diese kommentierten die zwei dann auch aus dem erleuchteten Flur lautstark, ebenso wie die Bitte einer herbeigeeilten Theaterangestellten, die Tür doch wieder zu schließen. Es folgt eine Gruppe von Damen über fünfzig, die äußerlich dem Pädagogenklischee entsprechen, dem Benehmen nach aber eher Marktstände auf dem Fischmarkt betreiben.

Als dann die nächste Vorstellung beginnt und wir erstmals auf Zuschauerstühlen sitzen, reisst die Reihe der ‘ma gucken’ Türaufreisser nicht ab. Ihnen entgegen strömen zur Halbzeit die Girlies, die sich den Platz in der ersten Reihe erkämpft hatten und dann feststellten, dass sie doch nicht in der Olli-Geissen-Show sitzen. Ihre freigewordenen Plätze weckten natürlich Begehrlichkeiten im Rückraum und entsprechend drängte es von dort wieder nach. Die Vorstellung störte das nicht allzusehr, weil das dröhnende Gelächter und Gejuchze meiner Sitznachbarin links mich inzwischen abgehärtet hatte. Auch der stets aufbrausende Applaus, wenn ein bewegtes blaues Licht und ein SciFi-Jingle als Running-Gag eine Szene illustrierten, ließ mich an mir selbst zweifeln. Vielleicht verstand ich ja nur vieles nicht oder falsch … Nachher wird mir erklärt, das es sich um ein szenisches Element aus einer dieser ‘Wer wird Millionär’TV-Shows handelt – ah ja …

In Erwartung des nachgespielten Untergangs der Titanic durch das anwesende Publikum verkniffen wir uns schließlich die Fahrt mit einem der Alsterschiffe und wandten uns dem English Theatre zu. Unsere Erwartung, dass die dort ausschließlich auf Englisch gespielten Stücke für eine gewisse Vorsortierung der Zuschauer sorgen, wurde nicht enttäuscht und so endete der Abend versöhnlich und mit der Erkenntnis, künftig wieder das Wahlabo mehr zu nutzen.

P.S.: die die Veranstaltung betreuende Agentur hieß übrigens Inferno-Events ….

Der Sommer fällt ins Wasser – Juli 2006

Fischwasser

Kaum hat der Sommer mal angemessene Temperaturen über halbwegs akzeptable Laufzeiten hingelegt, da heult schon wieder ein Teil der Nation darüber laut auf. Wahrscheinlich sind dass die gleichen Leute, die noch Anfang Mai mit Auswanderung wegen der sibirischen Kälte gedroht hatten. Und was nicht alles nach ein paar Tagen mit angenehmen Temperaturen an schlimmen Dingen passiert: Vögel fallen dehydriert von den Bäumen, der Abraum von Millionen Grillfeuern setzt die Müllkippen in Brand, Autolacke bleichen aus (die Feuerwehr erscheint in zartem Rosa …) etc. pp. Dass dabei auch die BILD-Redaktion nicht unbeschadet bleibt, verwundert insofern, als dass leere Gehirnkästen ja wohl kaum von Austrocknung bedroht sein dürften!? Wahrscheinlich hat die Schlagzeile aber einfach nur seit Jahren auf ihren Einsatz gewartet (prima, Schulze, speichern se das mal, vielleicht kann man das ja mal gebrauchen): MACHT ES DER MARS SO HEISS?

Bevor ich mich aber unnötig über Unvermeidliches beklage (apropos beklagen: den Bauern geht es schlecht!!!), muss ich auf echte Gefahren hinweisen. Ärzte stimmen in den allgemeinen Katastrophen-Kanon ein und stammeln im öffentlich-rechtlichen Radio Sätze wie: ‘bei diesem Wetter muß ein Erwachsener mindestens 5 Liter Wasser am Tag trinken’. FÜNF Liter! Das sind gut 7 Flaschen Mineralwasser oder ein Reservekanister oder der 100 km-Verbrauch eines Golf-Diesel oder oder … Besonders bei der Betrachtung des Automobils kann man sich die Dimension verdeutlichen: 5 Liter in ein großes Auto (5 Sitzplätze, für jeden Liter also einen) und dann flott fahren, z.B. von Hamburg nach Lüneburg und zurück. Stellen wir uns dagegen einen im Vergleich zum Golf zarten Erwachsenenkörper vor, der weder über Sitzplätze noch über einen Reservetank verfügt und schon garnicht mal eben flott nach Lüneburg und zurück muß … und da schütten wir jetzt nach und nach 5 Liter Wasser hinein – und die Frühstücks-Stullen und das Mittagsmenue und die abendliche Grillwurst mit den dazugehörigen Bieren … wie, ich soll aufhören?! Ich kann doch nichts dafür, es liegt offenbar am Sommer. Also Schluss damit, Feierabend, Temperaturen runter, Wolken drüber und Wasser von oben – 5 Liter pro Erwachsenen am Tag, bitte!

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