Verboten

Spätestens seit dem letzten Bundestagswahlkampf zieht sich die Klage über eine angeblich verbreitete ‘Verbieteritis‘ durch Medien und Diskussionen. Demnach sind bestimmte Menschen oder Parteien angetreten, den freien Bürgern des Landes das Leben schwer zu machen, indem sie all das zu verbieten suchen, was nicht ihrem Verständnis einer ordentlichen, rücksichtsvollen und nachhaltigen Lebens- oder Unternehmensführung entspricht. Besonders nach dem Rauswurf der FDP von den bezahlten Plätzen der offiziellen Bundespolitik fühlen sich viele Menschen allein gelassen im Kampf gegen eine in jeden Lebensbereich vordringende ‘Regulierungswut’.

FischfondRe

Was Liberalisierung im Alltag bedeutet, haben viele, die die Republik seit Beginn der zweiten Hälfte des letzten Jahrhunderts erlebt haben, hautnah erfahren. In den 50er- und 60er-Jahren noch in aller tausendjährigen Heftigkeit und in vielen Details noch bis in die frühen 80er war eigentlich alles verboten, was nicht ausdrücklich erlaubt war. Wo heute Heerscharen von Menschen mit Grill und Decke anrücken, um gemütlich auf dem Rasen zu lagern, war bis vor gut 30 Jahren einheitlich allein dessen betreten verboten. Das musizieren in der Öffentlichkeit, jede individuelle Gestaltung sichtbarer Flächen oder Fassaden, ja selbst das gemeinsame ‘herumlungern’ auf öffentlichen Plätzen oder die gemeinsame Übernachtung nichtverheirateter Paare in gemieteten Zimmern: alles verboten.

Die Infragestellung der die gesamte Gesellschaft durchziehenden Verbote und der Widerstand dagegen ging seinerzeit vom linken Spektrum aus, also von den Vorgängern der inzwischen in den Parlamenten vertretenen Grün- und Linksparteien. Massive Gegenwehr schlug den Aktivisten der 60er und 70er dagegen aus dem konservativen Lager entgegen. Angeführt von der BILD-Zeitung wurde in alarmistischem Tonfall gegen die Gefahr eines Sodom und Gomorrha gewettert, die ein Verzicht auf die allgegenwärtigen Vorgaben, Regelungen und Verbote nach sich ziehen würde.

Angesicht der Rückschau in die gar nicht so ferne Vergangenheit ist es überraschend, dass der Unmut über eine eskalierende Verbots- und Regulierungswut vor allem vom (neo) konservativen Lager ausgeht, dass ‘Hausmeister’, ‘Oberlehrer’ und (sorry) ‘Gutmenschen’ auf Seiten der Grünen und anderer Linker als Verantwortliche gesehen werden und dass an der Spitze der Empörung immer wieder die BILD-Zeitung steht.

Was mag hier passiert sein? Sind die unlängst noch als fortschrittlich empfundenen Kräfte links mit dem Eintritt in Amt und Würden schnell von der Macht korrumpiert worden und versuchen diese nun regulatorisch abzusichern? Oder haben die Konservativen eine rasante Entwicklung hin zu den wahren Liberalen vollzogen und kämpfen nun für die Freiheit des Individuums, das sie eben noch zu deckeln und auszubeuten trachteten?! Und hält die BILD-Zeitung mittlerweile das Banner der von Verboten bedrohten Nonkomformisten hoch und sorgt damit für eine wirklich pluralistische Gesellschaft, in der jeder nach seiner Façon selig werden kann? Besonders dies erscheint naheliegend, ist doch der bärtige Kai Dieckmann ein Ausweis für ersteres und Franz-Josef Wagner ein Beleg für letzteres. Wenn er es nicht bereits getan hat, wird er demnächst bestimmt mit einem bekannten Rosa Luxemburg-Zitat auf das hier behandelte Thema reagieren ….

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This entry was written by admin , posted on Dienstag August 12 2014at 04:08 pm , filed under Allgemein and tagged , , , , , . Bookmark the permalink . Post a comment below or leave a trackback: Trackback URL.

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